Über die Hochlandroute nach Cusco

Nach dem Motorradverkauf und meinem Zwischenstopp in Lima legte ich einen kleinen Busmarathon hin. Zunächst fuhr ich in einer 10-stündigen Fahrt nach Huancayo. Die lebendige Kleinstadt liegt in den Bergen und in der nächsten Zeit sollte ich anstatt von Stränden wieder vermehrt Andengipfel zu Gesicht bekommen. 

In Huancayo angekommen suchte ich mir erst einmal ein günstiges Hostel. Nichts besonderes, aber für zwei Übernachtungen ganz passabel. Vom Hostelbesitzer erhielt ich den Tipp Orcotuna zu besuchen. Also legte ich meinen Rucksack ab und machte mich kurzer Hand auf.

Die Fahrt mit dem Collectivo dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Orcotuna ist ein kleines Dorf und viel ruhiger im Vergleich zum belebten Huancayo. Ich wanderte durchs Dorf hinauf zum Mirador, bei dem ein großes Kreuz aufgestellt ist. Die kleine Wanderung dauerte gut eine Stunde und war sehr entspannt. Lediglich von den vielen Treppenstufen hinauf zum Aussichtspunkt kommt man ins Schwitzen. Vom Mirador wird man dafür mit einem grandiosen Blick auf Orcotuna und die weiten Ebenen rundherum belohnt. Ich war der einzige Besucher und genoss für ein Weilchen die Ruhe über den Dächern des Dorfes.

Orcotuna Peru

Auf dem Weg zum Mirador

Witzige Figuren auf dem Weg zum Mirador

Orcotuna

Orcotuna von oben

Orcotuna

Kirche in Orcotuna

Zurück in Huancayo ging ich zum dortigen Zugbahnhof und informierte mich über die Weiterfahrt nach Huancavelica. Ich erhielt die Info, dass nur zwei Züge pro Woche fahren. Der nächste Zug fuhr am Montag morgen um 6 Uhr, was für mich perfekt war.

Ich hatte somit noch den verbleibenden Sonntag in Huancayo und konnte den hiesigen Kunst- und Handwerkermarkt zu besuchen. Der Markt hat in der gesamten Region einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Sonntags herrscht in Huancayo ein wildes Treiben auf den Straßen. Es sind viele Einheimische unterwegs um den lokalen Markt zu besuchen. Touristen, die eher anderen Routen nach Cusco folgen, trifft man hier allerdings nur wenige.

Huancayo

Reges Teiben in Huancayo

Der Markt in Huancayo ist sehr spannend. Neben Gegenständen des täglichen Bedarfs wie Mützen oder Taschen aus Alpaka-Wolle kann man hier auch Kunstgegenstände, Möbel und sogar eine ganze Menge Blumen erwerben. Auf dem Markt traf ich auf Volker, einen Deutschen aus Bamberg.

Huancayo

Auf dem Markt in Huancayo

Wir schlenderten gemeinsam über den Markt und gingen zusammen etwas essen. Auf dem Markt in Huancayo kann man sich durch viele traditionelle peruanische Gerichte durchprobieren. Für mich gab es Chichu. Hierbei handelt es sich um in ein mariniertes Meerschweinchen. Also nichts für Vegetarier 🙂 Chichu schmeckt ähnlich wie Kaninchen und gar nicht schlecht. Mit Ceviche kostete Volker das peruanische Nationalgericht. Es handelt sich um rohen Fisch in Limettensaft mit Zwiebeln.

Für einen Mitteleuropäer klingen die Gerichte erst einmal gewöhnungsbedürftig. Heruntergespült wurde das ganze mit einem Pisco Sour, einem naturtrüben Schnaps, der nach der Stadt Pisco in Peru benannt ist. Peru und Chile streiten sich allerdings schon seit ewigen Zeiten über die ursprüngliche Herkunft des alkoholischen Getränks.

Volker erzählte mir, dass er ebenfalls mit dem Zug nach Huancavelica reisen wollte und somit hatte ich mal wieder einen Mitstreiter. Am nächsten morgen ging es bereits früh um 4 Uhr raus, denn ich musste mir noch ein Zugticket kaufen. Das Ticket konnte man nicht im Voraus erwerben. Mit 13 Soles, was umgerechnet ca. 4 Dollar entspricht, war der Ticketpreis für die 7-stündige Zugfahrt ein echtes Schnäppchen. Und dazu noch für die Erste Klasse 🙂 Die meisten Einheimischen nutzten hingegen das günstigere Zweite-Klasse-Ticket für 9 Soles.

Ich stand also bereits um 5 Uhr morgens auf der Matte, da mir mitgeteilt wurde, dass der Ticketverkauf bereits dann beginnen würde. Doch mit meiner deutschen Pünktlichkeit hatte ich es mal wieder übertrieben, denn ich war der Einzige am Zugbahnhof weit und breit. Die ersten Locals trudelten so gegen 5:30 Uhr ein. Die meisten schleppten so allerlei Zeugs mit sich, dass sie auf dem Markt in Huancavelica verkaufen wollten. Mit einer Stunde Verspätung begann der Ticketverkauf dann endlich.

Huancayo

Um 5:30 Uhr im leeren Bahnhofsgebäude in Huancayo

Huancayo Huancavelica

Zugstrecke von Huancayo nach Huancavelica im peruanischen Hochland

Die Einheimischen bestaunten mich mit großen Augen, denn ich war der einzige Gringo am Bahnhof. Irgendwann gesellte sich aber dann auch noch Volker hinzu, der ebenfalls die Tour antreten wollte. Wenig später und wie im Entenmarsch hintereinander aufgereiht konnten wir dann endlich unsere Sitzplätze im Zugabteil aufsuchen. Früher fuhr auf der Stecke noch eine Dampflok, die allerdings mittlerweile durch eine Diesellok ersetzt wurde. Die Waggons sind aber weiterhin recht nostalgisch und wären in Deutschland wohl bereits vor 30 Jahren ausgemustert worden.

Huancayo

Vor der alten Dampflok am Bahnhof in Huancayo

Um 7 Uhr verließ der Zug schließlich Huancayo mit allerlei lautem Hupen und Getöse und in den alten Waggons klapperte und knirschte so einiges. Ich teilte meinen Sitzplatz mit 3 Mädels. Ein junges Mädchen aus Lima unternahm gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter einen Ausflug nach Huancavelica. Wir verstanden uns gut und ich bekam von den Damen mein Frühstück spendiert. Morgens um 8 Uhr gab es Reis mit Hühnchen und Zwiebeln 🙂 In Deutschland wohl undenkbar. Verglichen mit dem kleinen Raum, der für die Küche im Zug zur Verfügung stand, war das Frühstück erstaunlich lecker.

Huancayo

Abfahrt vom Bahnhof in Huancayo

Huancayo

Netter Austausch mit meiner peruanischen Mitstreiterin

Huancayo

Peruanisches Frühstück im Zug

Die Zugfahrt durch die unglaubliche Landschaft war wunderschön. Zunächst ging es durch weite Ebenen hindurch. Anschließend schlängelte sich der Zug in unzähligen Kurven durch ein großartiges Canyontal und diverse Tunnel hindurch. Der Adrenalinschub half mir dabei meine morgendliche Müdigkeit zu verdrängen. Auf der Strecke von Huancayo nach Huancavelica überwindet der Zug ca. 800 Höhenmeter und es geht auf 3680 Meter hinauf. Dies merkte man dem stetigen Schnaufen der alten Diesellok deutlich an. Von Zeit zu Zeit hielt der Zug in kleinen Andendörfern, in denen die Straßenverkäufer ihre lokalen Waren zum Kauf anboten.

Huancayo

Wundervolles Hochland von Peru

Huancayo

Zwischenstopp auf der Zugfahrt nach Huancavelica

Huancayo

Peru ganz ungeschminkt

Nach der Bewältigung der 128 Kilometer kamen wir nach 7 Stunden schließlich unversehrt in Huancavelica an. Gemeinsam mit Volker suchte ich mir ein Hostel unweit der Bahnstation. Im Zug hatten einige Leute etwas von Termales geplaudert und wir beschlossen diese aufzusuchen. Gesagt getan! Nach einer 5-minütigen Taxifahrt landeten wir bei den „heißen Quellen“ vor Ort.  Schnell realisierten wir aber, dass diese Quellen gar nicht so heiß waren. Vielmehr handelte es sich um ein kleines Schwimmbad mit allenfalls lauwarmem Wasser. Ich beschloss dennoch einige Bahnen zu ziehen, was auf über 3500 Metern Höhe gar nicht so einfach war. Ein wenig enttäuscht verließen wir die Termales wieder.

Huancavelica

"Termales" in Huancavelica

Huancavelica

Ausblick aus dem Hostelfenster in Huancavelica

Wir gingen etwas essen und tranken heißen Kakao zum Aufwärmen. Denn in Huancavelica war es ziemlich frisch. Der Nieselregen und der kalte Wind taten ihr Übriges hinzu. Das kleine Arbeiterstädtchen ist nicht sonderlich spektakulär und ich beschloss mit dem Nachtbus weiter nach Ayacucho zu fahren. Ich war bereits zwei Stunden vor Abfahrt am Terminal. Komischerweise hatte das Terminal geschlossen. Es war stockdüster und ich fühlte mich hier nicht so richtig wohl. Glücklicherweise gesellte sich wenig später Wilder hinzu und erklärte mir, dass das Terminal erst kurz vor Fahrtantritt öffnet und die Tickets verkauft. Wilder machte ein Praktikum bei den Quecksilberminen in der Nähe von Huancavelica. Wir unterhielten uns angeregt, was die Wartezeit bei klirrender Kälte deutlich verkürzte.

Für die 200 Kilometer lange Strecke benötigte der Bus geschlagene 9 Stunden. Im Terminal in Ayacucho erwarb ich dann das nächste Busticket nach Cusco. Bis zur Weiterfahrt hatte ich noch ein paar Stunden Zeit. Diese nutzte ich, um mir die Innenstadt von Ayacucho näher anzusehen. Ayacucho ist völlig verschieden verglichen mit den Arbeiterstädten Huancayo und Huancavelica und besitzt eher den kolonialen Charme Cuscos.

Ayacucho

Innenstadt in Ayacucho

Für mich war das Zentrum von Ayacucho eines der schönsten, die ich bisher auf meiner gesamten Reise gesehen hatte. Sehr schöne Plazas, viele Kirchen und nette kleine Gassen und Märkte. Besonders schön ist die Gegend rund um den Plaza de Mayor. Die Menschen sind in Ayacucho sehr modern und es gibt auch eine Menge Kunst zu sehen. Der kurze Besuch Ayacuchos hat sich jedenfalls gelohnt und hätte ich nicht bereits mein Weiterreise-Ticket erworben wäre ich sicher noch länger hier geblieben.

Von Ayacucho aus unternahm ich den nächsten Busmarathon nach Cusco. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Andahuaylas erreichte ich die ehemalige Hauptstadt des Inkareichs nach gut 15 Stunden. Die Fahrt war anstrengend und ging durch atemberaubende Berglandschaften. Über endlose Serpentinen ging es bergauf und bergab. In den flacheren Ebenen passierten wir eine bräunlich gefärbte Graslandschaft, die teils für den Ackerbau genutzt wurde. Auf den Passhöhen hatte man eine tolle Aussicht über faszinierende Bergketten und farbenfrohe Täler.

In Cusco hielt der Bus an einem Terminal außerhalb des Stadtzentrums, von wo aus ich ein Taxi zum „Sol Latino Hostel“ nahm. Ich kam um 5 Uhr in der früh am Hostel an, aber zum Glück erhielt ich Einlass. Das Hostel war eine Art Absteige für Hippie Backpacker und mit 8 Soles mehr als günstig. Die Ausstattung der Bleibe auf Zeit war minimal und sicher nicht für jeden Reisenden die richtige Wahl. Aber für mich war's in Ordnung und die Leute im Hostel waren alle nett.

Ich unterhielt mich eine Zeit lang mit den beiden Jungs, die im Hostel arbeiteten. Anschließend viel ich ziemlich kaputt ins Bett und schlief bis um zwei Uhr am nächsten Nachmittag durch. Die nächsten Tage nutzte ich für eine Sightseeing-Tour durch Cusco. Cusco ist eine wirklich wundervolle Stadt und sie gilt nicht umsonst für viele als eine der schönsten Städte in ganz Südamerika. Sie liegt auf 3416 Metern Höhe und umfasst ca. 350.000 Einwohner. Von Cusco aus regierten die alten Inkas ihr riesiges Reich.

Cusco

Aussicht auf die Kirche San Pedro in Cusco

Cusco Peru

Leckere Fruchtdrinks gibt's auch in Cusco

Cusco Peru

Passage am Plaza de Armas

Auf dem Plaza de Armas fand abends am Tag nach meiner Ankunft eine großartige Messe auf der Fläche vor der großen Kathedrale statt. Solch eine Messe hatte ich bisher noch nicht gesehen. Der Platz war voller Menschen und die Messe wurde, begleitet durch einen Schülerchor, mit viel Liebe zelebriert. Dies war ein tolles Erlebnis. Ohnehin ist die Innenstadt Cuscos Abends sehr beeindruckend und man spürt die Energie und die Historie dieses Ortes.

Cusco

Abendliche Messe auf dem Plaza de Armas vor der großen Kathedrale

Cusco Kathedrale

Vor der großen Kathedrale bei Tageslicht

Des Weiteren besuchte ich den Sonnentempel „Qorikancha“ und das Künstlerviertel „San Blas“. Der Sonnentempel liegt nur einige Hundert Meter entfernt vom Plaza de Armas und ist sehr beeindruckend. Es war der wichtigste Inkatempel, indem religiöse Zeremonien sowie andere Feierlichkeiten abgehalten wurden. Das Innere des Tempels und die in ihm ausgestellten Kunstwerke sind zu großen Teilen in Gold gestaltet. Leider wurde der bedeutendste Inka-Tempel durch die spanischen Konquistadoren zerstört und es sind nur noch die Mauerreste der Fundamente erhalten.

Sonnentempel Qorikancha in Cusco

Blick auf den Sonnentempel "Qorikancha" in Cusco

Temple of the Sun Cusco

Im Inneren des Sonnentempels

Sonnentempel Qorikancha in Cusco

Die alten Inka stellten sich die Milchstraße als Lama vor

Aber selbst beim Anblick der Grundmauern des Sonnentempels spürt man, welch großartige Meister der Steinmetzkunst die Inkas einst waren. Es ist Wahnsinn mit welcher Präzision die Steine bearbeitet und anschließend passgenau und ohne Zement ineinander gefügt wurden. Auf den Grundmauern des Sonnentempels errichteten die Spanier später eine Kirche und das Kloster Santo Domingo. Hierdurch kam es also zu einer Verschmelzung der Inkabauweise mit der spanischen Architektur.

Kloster Santo Domingo Cusco

Das Kloster Santo Domingo

Cusco

Und Lamas gibt's in Cusco natürlich auch 😉

Schlendert man in Cusco aber ein wenig abseits der touristischen Pfade, so erkennt man auch die andere Seite der Stadt. Trotz all dem Tourismusboom leben die meisten Einwohner Cuscos weiterhin in sehr bescheidenen Verhältnissen. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist auch hier unübersehbar. Nach ein paar Tagen in Cusco ging es weiter zu einem der 7 Weltwunder, der mystischen Inka-Festung „Macchu Pichu“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.